Referenzen einmal anders: eine Auswahl an Persönlichkeiten, mit denen ich gesprochen habe. Hinter besonders hervorgehobenen Namen verbirgt sich ein Auszug aus dem jeweiligen Interview.
Scott Weiland * Hartmut Esslinger * Claus Kleber * Daniel Coyle * Fritz Pleitgen
James Frey * Jean Michel Jarre * Jimmy Wales * Sibylle Berg * DBC Pierre
Jutta Kleinschmidt * Emily the Strange * Cecilia Bartoli * Suzanne Vega * Armin Rohde
Marilyn Manson * Donna Leon * Henry Rollins * Sinead O'Connor * Greg Graffin
Paul Frank * Malcolm McLaren * Custodio Dalmau * Jim Rakete * Iris Berben
Romain de Marchi * Götz Alsmann *
Vertrauen und Beweise
unveröffentlicht
Greg Graffin ist zum Zeitpunkt des Interviews seit 25 Jahren Sänger der Punkrockband Bad Religion und seit einem Jahr Doktor der Biologie.
Herr Graffin, Sie sind mit elf Jahren von Wisconsin nach Los Angeles gekommen. Können Sie sich noch daran erinnern, was Sie zuerst beeindruckt hat?
Greg Graffin: Ich war sehr aufgeregt und begeistert, weil es einen Orangenbaum im Hinterhof gab. Ein ziemliches Klischee in Los Angeles. Aber dann musste ich am nächsten Tag zum ersten Mal zur Schule. Und das war so, als würde ich in eine außerirdische Welt eintauchen. Wo es überall Surfer gab und Leute, die voll auf Marihuana und Quaaludes waren. Ich war erst elf, und das war eine so viel reifere Welt, aber auf beinahe kranke Weise. Die Kultur war so sehr ihrer Zeit voraus. Alles, was die 70er definiert hat, fand damals in LA statt.
Ich dachte, dafür würde San Francisco stehen.
Ja, vielleicht. Aber ich denke, in San Francisco waren das eher politische Hippies. LA war für Surfer Hippies: Surfen, Beach Lifestyle, Drogen und sexy Frauen. Obwohl das eigentlich Mädchen waren, aber sie sahen aus wie Frauen und hatte alle Sex im Alter von dreizehn. Das war eine total sexualisierte Gesellschaft, und ich war schockiert von alldem, denn ich habe meine ersten elf Jahre in Wisconsin verbracht.
Wie sah denn dann die Metamorphose aus vom Landei zum Punkrockkid?
Ich glaube, dass das Gefühl des Fremdseins eine sehr wichtige Wirkung auf mich hatte. Ich bin nie in die Drogenkultur verwickelt worden, ich trank auch nicht. Weil ich mich als Außenseiter fühlte, wurde ich in dieser Welt nicht akzeptiert. Deswegen entwickelte ich schon ganz früh zwei Dinge: Den Sinn für Entfremdung und das Wissen, das ich etwas anderes war. Beides verband sich schließlich zu einer Punk-Haltung. Denn vier Jahre später gründete ich Bad Religion, und das basierte auf dem Gefühl der Entfremdung und auf dem Gefühl, dass diese Leute irgendwie anders sind als ich. Dass meine Welt aber trotzdem ihre Berechtigung hat. Ich würde es anderen nicht erlauben, meine Legitimität zu untergraben.
Gibt es in der jüngeren Vergangenheit noch Momente, in denen Sie sich ähnlich gefühlt haben, in denen Sie auch fremd und neu waren?
Jaha! Ich fühle mich ständig wie der Neue. Das macht einen Teil dessen aus, was mich unter Spannung hält. Denn ich fühle mich nie so richtig wohl. Wissen Sie, letztes Jahr im August hatte ich mein Rigorosum für meinen Doktortitel. Endlich. Wenn ich mich in solche Situationen begebe, fühle ich mich verwundbar. Und ich fühle mich auch nicht wert, mich zwischen diesen Akademikern zu bewegen.
Warum das denn nicht?
Ich sehe so sehr zu ihnen auf, es ist ihre Welt, in der ich nach Anerkennung suche. Darum geht es ja, wenn man eine Dissertation schreibt oder ein Buch: Man sucht nach Anerkennung für seine Arbeit. Das ist sehr zermürbend. Wenn ich ein neues Album mit Bad Religion mache, nun, okay, da genieße ich eine gewisse Autorität. Aber auch da versucht man, für ein neues Werk einzutreten. Und man hat keinen Schimmer, wie das ankommen wird. Man fühlt sich, als sei es etwas völlig Neues, das nie zuvor gemacht worden ist. Diese andauernde Unsicherheit bringt mich dazu, produktiv zu sein.
Gibt es Momente, in denen Sie Schwierigkeiten damit haben, von Ihrem akademischen Publikum zum Punkrock-Publikum zu wechseln?
Es gibt keine großen Schwierigkeiten, allerdings gibt es Stilfragen. Mein akademischer Stil ist normalerweise nicht Jeans und T-Shirt.
Was dann?
Hosen, also Stoffhosen, geknöpfte Hemden mit Kragen. Man kommt da in eine Routine, und es ist schwer, sich vorzustellen: Okay, nächste Woche hast du einen Fototermin... Es ist schwierig für mich, zurück zum Rock'n'Roll Stil zu finden. Ich bin ohnehin nicht so groß in Stilfragen, auch bin nicht besonders modebewusst. Aber Rock'n'Roll-Mode, sogar dieser Jeans und T-Shirt-Look, den ich trage, würde sich nicht übertragen lassen in die Zeiten, in denen ich Unterlagen ausgebe oder akademisch arbeite.
Ist das ein bewusster Versuch, die beiden Rollen voneinander abzugrenzen?
Nein, ich würde sie lieber verbinden. Aber ich habe da noch keinen Stil gefunden. Vielleicht werde ich das auch nie, es ist einfach zu albern.
Dann mal im Ernst: Was sind die Hauptfragen, die Sie mit Ihrer wissenschaftlichen Forschung beantworten wollen?
Im Zentrum meiner Dissertation stand die Evolutionsbiologie und die Frage, wie sie als Glaubenssystem funktioniert für Leute, die keine Religion haben. Mit meinem Bericht konnte ich zeigen, dass Evolutionsbiologen in aller Welt keinen Konflikt sehen zwischen Evolution und Religion. Aber natürlich glaubt keiner von ihnen an Religion. Das ist ein Problem, weil sie nicht aufrichtig sind. Die Gründe dafür sind wichtig. Ich denke, es hat mit der Inquisition zu tun, mit der römisch-katholischen Kirche und ihrem Einfluss auf unsere Gesellschaft. Sie hat unsere Gesellschaft in eine Strafgesellschaft verwandelt, in der man bestraft wird, wenn man aus der Reihe tanzt. Ich denke, es gibt in der Wissenschaftsgemeinschaft immer noch eine Angst, die auf Galilei und Bruno zurückgeht, der auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden ist. Das sind sehr mächtige Mythen, die nicht so leicht verschwinden.
Wurden Sie selbst christlich erzogen?
Überhaupt nicht. Ich war total unwissend, ich hab noch nicht mal etwas über die Geschichten aus der Bibel gelernt. Aber ich bin eine zutiefst moralische Person, und ich glaube auch, dass ich ein guter Mensch bin und keine bösen Dinge tue. Je mehr ich über Biologie lernte, je mehr ich über die Geschichte unseres Sonnensystems, unseres Planeten und des Lebens auf diesem Planeten lernte, desto mehr ergab diese Welt einen Sinn für mich. Ich konnte dieselben Fragen damit beantworten, für die religiöse Leute in die Bibel schauen. Und ich konnte sie wahrheitsgemäß beantworten. Nicht auf der Basis irgendeiner Mythologie, die ohne Beweise auskommt.
Gehen Ihre Vorstellungen so weit, dass Sie meinen, jedes Phänomen der Welt ließe sich wissenschaftlich erklären?
Nein. Zumindest nicht zum heutigen Zeitpunkt. Es gibt immer noch viele Rätsel in der Welt, und das ist gut so. Es ist ein Teil des Menschseins, das Geheimnisvolle anzuerkennen. Aber für manche Leuten ist ein Rätsel ein Endpunkt. Für einen Wissenschaftler ist es der Anfang.
Wie gewichten Sie Glauben oder Vertrauen gegenüber Beweisen?
Für mich ist der Beweis unendlich viel wichtiger. Tatsächlich hängt mein Vertrauen von Beweisen ab.
Auch wenn es sich um zwischenmenschliche Beziehungen handelt?
Nein, das ist der einzige Ort, wo das Konzept zusammenbricht. In einer interpersonalen Beziehung bedeuten Beweise nicht viel. In diesem einen Bereich finde ich es okay, blindes Vertrauen zu haben. Das ist es dann aber auch schon. Trotzdem ist es genau der Bereich, in dem viele Leute so einen Knacks kriegen. Wenn man als Wissenschaftler geschult worden ist, wird man dazu angehalten, skeptisch zu sein. Und die Natur und alles ständig zu beobachten. Alles nur auf der Grundlage von prüfbaren Beweisen zu erklären. Das ist aber nicht die Art und Weise, wie man an eine Beziehung herangeht. Es muss ein anderer Prozess möglich sein, wenn man mit einer Beziehung zu tun hat. Das betrifft nicht nur den Lebenspartner, sondern auch Kinder und jede Familienbeziehung.
Hätten Sie trotzdem gern eine wissenschaftliche Erklärung dafür, was passiert, wenn Sie jemanden lieben?
Es gibt ein Buch mit dem Titel "A Natural History of Love". Das ist ziemlich gut. Und ja, ich würde das gern wissen, und ich bin da nicht der Einzige. Viele Psychologen machen sehr wichtige Fortschritte bei der Erklärung dessen, was Liebe ist. Ich habe ein recht gutes materialistisches Verständnis dessen, was Liebe ist. Das nimmt aber überhaupt nichts von ihrer Macht.
Wie erklären Sie sich das?
Ich verstehe jeden Schritt, jedes kleinste Detail davon, wie eine Fotografie gemacht wird. Alle chemischen Prozesse, die Einflüsse der Belichtung, der Prozess, wie es auf Papier gebracht wird, jedes Detail. Aber wenn ich ein ergreifendes Foto sehe, werden meine Gefühle immer noch in Wallung gebracht. Ich kann immer noch tief davon bewegt werden. Also nimmt das Wissen darüber, wie etwas funktioniert, nicht die Menschlichkeit. Wenn überhaupt, erhöht es noch die Wertschätzung. Man ist nicht mehr so durcheinander. Wenn ich also Liebe für jemanden empfinde, tut das Wissen, was in meinem Körper passiert, diesem Gefühl keinen Abbruch. Wenn ich eine Frau treffe, und da gibt es keine Chemie, keine Verbindung, kann ich das physiologisch erklären. Und wenn ich jemanden treffe und es gibt eine massive Chemie, ein starkes Gefühl der Anziehungskraft, dann kann ich das zwar auch physiologisch erklären, aber das schmälert die Kraft nicht. Viele Leute sagen: ‚Wenn man alles erklären kann, dann würden wir unsere Menschlichkeit verlieren.' Oder: ‚Wissenschaftler versuchen, die Gefühle aus allem herauszunehmen.' Das ist eine billige Kritik, und sie kommt üblicherweise von Leuten, die von Wissenschaft überhaupt nichts verstehen.
Welche Dinge sind es Ihnen wert, einfach daran zu glauben?
Ich habe einen gewaltigen Glauben an Menschlichkeit.
Tatsächlich? Ihre Song-Texte klingen ganz anders.
Meine Texte und meine Songs neigen dazu, die Bereiche zu identifizieren, in denen wir es als menschliche Wesen versauen. Aber der einzige Grund, das aufzuzeigen, ist der Glaube, dass wir diese Probleme durch Bildung korrigieren können. Wenn man nicht fest daran glaubt, diese Probleme beseitigen zu können, ist man hoffnungslos. Das System der Bestrafung ist so weit verbreitet in der judäo-christlichen Religion und ein Kennzeichen unseres Rechtssystems und der meisten modernen Gesellschaften geworden. Diese Kultur der Bestrafung finde ich aussichtslos. Denn sie legt nahe, dass man für seine Fehler bezahlen muss. Statt der Haltung, dass man aus seinen Fehlern lernen soll. Wenn sie sagen, sie sollen aus ihren Fehlern lernen, meinen sie: mit ihrem Leben. Sie würden jemanden ins Gefängnis werfen oder töten und das irgendwie rechtfertigen als vernünftige Behandlung für seine Verfehlungen. Für mich ist das nicht vernünftig. Ich finde, die Leute müssen aufgeklärt und gebildet werden. Nicht getötet.
Wovor haben Sie Angst?
Ich habe Angst vor Einsamkeit. Obwohl es Zeiten gibt, in denen ich es liebe, allein zu sein. Im Allgemeinen fühle ich mich unbehaglich, wenn ich völlig allein bin. Ich würde auch noch Bedeutungslosigkeit hinzufügen. Obwohl mir klar ist, dass man auf globaler Ebene immer belanglos ist. Aber man möchte immer für jemanden wichtig sein.


PERSÖNLICHKEITEN