petrina.tv
Elvis Presley

PERSÖNLICHKEITEN

Ich entdecke spannende Menschen und spreche mit ihnen. Klar, darauf fußen viele journalistische Darstellungsformen. Bei mir entstehen daraus häufig Wortlaut-Interviews. Handwerk oder Kunst? Ihre Entscheidung.

Über Interviews schreibe ich übrigens auch in meinem Blog.

Referenzen einmal anders: eine Auswahl an Persönlichkeiten, mit denen ich gesprochen habe. Hinter besonders hervorgehobenen Namen verbirgt sich ein Auszug aus dem jeweiligen Interview.

Scott Weiland * Hartmut Esslinger * Claus Kleber * Daniel Coyle * Fritz Pleitgen

James Frey * Jean Michel Jarre * Jimmy Wales * Sibylle Berg * DBC Pierre

Jutta Kleinschmidt * Emily the Strange * Cecilia Bartoli * Suzanne Vega * Armin Rohde

Marilyn Manson * Donna Leon * Henry Rollins * Sinead O'Connor * Greg Graffin

Paul Frank * Malcolm McLaren * Custodio Dalmau * Jim Rakete * Iris Berben

Romain de Marchi * Götz Alsmann *

Custodio "Farbe ist wie Medizin."

Erschienen in Galore Vol. 06, 2005

9.9.2004, New York. Einen Tag vor der ‚Custo Barcelona'-Modenschau im Rahmen der Fashion Week sitzt Labelchef Custodio Dalmau in der hinteren Ecke eines Fitting Rooms, in dem immer wieder Models erscheinen. Der Designer entscheidet, welche Kleider sie jeweils tragen sollen, und nimmt sich zwischendurch die Zeit für ein Interview.

Herr Dalmau, Ihre Kleidung sieht immer so aus, als hätten Sie schon jemanden im Kopf, der sie tragen soll. Wie sehen Sie die ‚Custo Barcelona'-Frau?

Custodio Dalmau: Ob Frau oder Mann, es ist eine Person, die Freude daran hat, sie selbst zu sein. Sie folgt nicht unbedingt den Vorgaben der Mode, sie entscheidet über ihre ganz eigene Mode und hat einen jungen Geist. Sie mag es, ihre Individualität auszudrücken.

Was ist der Grundgedanke, den Ihre Kollektionen gemeinsam haben?

Unser Projekt dreht sich eigentlich um tragbare Grafiken. Wir bemühen uns dabei aber, auf einer Alltagsbasis zu funktionieren. Ich denke schon, dass man unsere Farben und Drucke täglich tragen kann.

Den Anstoß, bedruckte T-Shirts zu machen, bekamen Sie auf einer Motorradreise um die Welt. Wie kam es überhaupt zu dieser Reise? So etwas kann sich ja schließlich nicht jeder junge Mann leisten.

Als Teenager bin ich sehr viel Motorrad gefahren. Mein Bruder und ich unterbreiteten ‚Yamaha' das Angebot, eine Weltreise mit ihren Fahrzeugen zu machen. Sie entschlossen sich tatsächlich, das zu sponsern, und so eine Chance wollten wir natürlich nicht ausschlagen. Es war eine Art Test für ein neues Motorrad, das sie auf den Markt bringen wollten. Die Tour hat hier in New York begonnen, von dort sind wir nach Alaska gefahren, dann zum südlichsten Teil von Argentinien und nach Brasilien. Von dort sind wir nach Südafrika geflogen und haben Afrika überquert, danach ging es durch den Mittleren Osten.

Ihre Hinwendung zur Mode hat allerdings mehr mit kalifornischen Surfern zu tun…

Ja! Wir haben diese Arbeit angefangen, weil wir von den Surfern ganz fasziniert waren. Mein Bruder und ich kommen aus Barcelona, und da gibt es nicht viele Wellen, deswegen kann man dort nicht surfen. Als wir in Kalifornien ankamen, haben wir versucht, es zu lernen. Vor allem aber sahen wir zum ersten Mal im Leben bedruckte T-Shirts. Die Motive drehten sich ums Surfen: Palmen, Wellen, Surfer. Wir waren begeistert. Damals habe ich Architektur studiert, mein Bruder studierte Kunst, und wir beschäftigten uns beide sehr gern mit Grafikdesign. Als wir zurück in Spanien waren, druckten wir unsere Grafikideen auf T-Shirts - eben weil wir den ersten Stoffdruck bei den Surfern gesehen hatten.

Als Motiv oder als Form sind Wellen immer noch Teil Ihrer Entwürfe. Was bedeutet das Meer für Sie?

Es ist ein sehr wichtiges Element in jedermanns Leben. Ich glaube, dass es ohne das Meer kein Leben gibt. Für mich persönlich ist es ein sehr entspannender Ort. Ich wohne gern nah am Meer, und ich tue auch gerne etwas in seiner Nähe, eigentlich alle Arten von Sport. Meine Heimatstadt Barcelona hingegen war ein großer Einflussfaktor, was die Farben angeht. Barcelona liegt nah am Meer, und das genießen die Leute dort. Es ist ein sehr sonniger Ort, und wegen der Sonne können die Leute Farbe verstehen. Sie mögen Farben. Das ist der stärkste Impuls von Barcelona auf meine Arbeit. Schon als Kind habe ich diese Vielfalt gesehen, für mich sind Barcelona und Farben untrennbar miteinander verbunden.

Für Ihre Mode haben Sie unzählige Farben zur Auswahl. Wie behalten Sie da den Überblick?

Farbe ist wie Medizin: Wenn man die richtige Dosis nimmt, kann sie einen kurieren. Eine Überdosis kann einen jedoch umbringen. Man muss also sehr vorsichtig mit dem Gebrauch von Farben sein. Nun, wir haben 20 Jahre Erfahrung, da konnte ich ein wenig darüber lernen. Farben können auf den Zustand der Stimmung, des Geistes einwirken. Für einige Krankheiten gibt es ja sogar die Farbtherapie als Behandlungsform.

Farbenfrohe Mode verkauft sich nicht überall. Wie erklären Sie sich die geografischen Unterschiede?

Das macht ausschließlich die Sonne aus. In sonnigen Gegenden verstehen die Leute sich auf Farbe und sie mögen es auch bunt, schauen Sie sich nur Afrika, Indien, Hawaii oder Florida an. Wenn man dagegen nach Kanada oder Skandinavien geht, trifft man auf Menschen, die es lieber einfarbig und dunkel mögen. Das ist der Einfluss der Sonne, des Lichts.

Unter Ihren Druckmotiven finden sich immer wieder Bilder von Frauen. Welche Botschaft steckt dahinter?

Tja, wir lieben Frauen! (lacht) Illustrationen von Frauen sind schon vor vielen Jahren Klassiker gewesen. Wir mögen es, Frauen zu zeichnen, die Mode lieben, die raffiniert und mondän sind, die über der Realität leben. Die das Leben lieben.

Das klingt fast so, als hätten Sie als Junge gern mit Puppen gespielt.

Nein, nein! Ich habe mit der Eisenbahn gespielt und mit Rennautos.

Sie haben aber auch schon mal ein Outfit für eine Barbiepuppe entworfen, richtig?

Ja, wir wurden gebeten, ein Kleid für Barbie zu nähen. Wir haben einen bereits existierenden Look ausgewählt, den wir auf unserer Modenschau in New York gezeigt hatten, und passten das an eine Barbie an. Denn sie hatten uns um etwas gebeten, das sehr ‚Custo' ist.

In Zeiten der Krise wenden sich viele Designer der Weiblichkeit und Fantasie zu. Das sind Elemente, mit denen Sie schon die ganze Zeit gearbeitet haben. Inwieweit lassen Sie sich vom politischen Klima beeinflussen?

Wir versuchen, uns davon nicht tangieren zu lassen. Ich finde Politik ziemlich langweilig. Normalerweise ist das etwas, das einen nicht positiv erregt. Mode, so finde ich, sollte aber auf positive Art und Weise wirken.

Es kursieren ständig heiße Tipps, welcher Modestil in der nächsten Saison wieder aufgegriffen wird. Interessieren oder beeinflussen Sie solche Prognosen?

Wenn wir ein Produkt entwickeln, ist es uns am wichtigsten, dass die Leute es erkennen können, ohne das Etikett zu lesen. Deswegen möchten wir nicht von Trends beeinflusst werden und nutzen sie auch nicht als Richtung für unsere Kollektionen. Das könnte unseren Konsumenten verwirren. Uns ist es sehr wichtig, eine Identität zu haben und unserer Linie zu folgen.

Wie aber erreichen Sie den Wiedererkennungswert Ihrer Produkte, während Sie sich mit jeder Kollektion verändern?

Indem wir viel arbeiten! (lacht) Nur so funktioniert das. Wir verbringen viele Stunden in den Fabriken, experimentieren mit Neuem und arbeiten daran. Das ist nicht einfach.

Sie haben Ihre Arbeit nicht nur von T-Shirts auf eine volle Kollektion für Frauen und Männer ausgedehnt, sondern auch schon die Außen- und Innenausstattung von Autos gestaltet. Wie kam es dazu?

Die Firma ‚Chrysler' hat mich gefragt, ob ich die Außenseite eines ihrer Autos bemalen würde. Das haben wir jetzt schon dreimal gemacht, einmal für ein Cabrio. Als wir das Auto gemacht haben, haben wir es uns einfach als T-Shirt auf Rollen vorgestellt, das 100 Meilen die Stunde fahren kann.

Sie nehmen schon seit Jahren an der New York Fashion Week teil. Warum haben Sie sich entschieden, sich zunächst auf den amerikanischen Markt zu konzentrieren, bevor Sie sich in Europa einen Namen machten?

Die Entscheidung hing von Marktwegen ab. In der Zeit um 1996 war die Wirtschaftslage in Europa sehr schwierig. Wir beschlossen, es in Amerika zu versuchen, weil es der Wirtschaft dort besser ging.

Mit Erfolg: In den USA sind Sie gut angekommen. Wie erklären Sie den Begriff "Customania"?

Wenn wir eine Kollektion beenden, werden die Teile nicht länger verkauft. Customania ist insbesondere in den Staaten das Phänomen, dass manche Leute unsere T-Shirts sammeln. Ich habe eine Person getroffen, die 400 unserer T-Shirts besaß!

Das muss ein Riesenkompliment für Sie sein. Was tun Sie, um auf dem Teppich zu bleiben?

Das erreiche ich durch Realismus. Wir sind, was wir sind, nicht das, was die Leute sagen. Ich bin sehr begeistert von meinem Job, aber das ist dann auch alles. Das Leben ist viel mehr als Mode.

Aber Sie benutzen immerhin Ihren Namen für Ihre Firma. Können Sie nach 20 Jahren noch zwischen Custodio Dalmau und Custo Barcelona trennen?

Selbstverständlich. Ich versuche, die Grenze zu respektieren und nicht beides zu vermischen. Beide Teile sind sehr mächtig, und wenn man sie mischt, kann ein Teil den anderen schlucken. Um an beiden Freude zu haben, ist es besser, sie zu trennen.

Sie haben bei Veranstaltungen wie dieser hier ständig Menschen um sich herum, die etwas von Ihnen wollen, es ist laut und hektisch. Was tun Sie, um sich zu entspannen?

Ich mache Pause. (lacht)

Zur Person

Custodio Dalmau wurde am 11.08.1957 in Barcelona geboren. Unzufrieden mit seinem Architekturstudium, brach er 1980 zusammen mit seinem Bruder David zu einer zweijährigen Motorrad-Weltreise auf. Nach ihrer Rückkehr begannen die Geschwister in ihrer Heimatstadt mit dem Bedrucken von T-Shirts. Schon 1982 entstand daraus die Marke Custo Barcelona, die nach wie vor vor allem für ihre farbenfrohen Tops bekannt ist. Ab 1985 erweiterte Dalmau seine Produktpalette zu einer kompletten Frauenkollektion, mittlerweile gibt es neben Accessoires und einer Jeanslinie auch Männermode von Custo. Dalmaus Kreationen werden heute in 30 Ländern verkauft, ständig kommen neue Flagshipstores zu denen in Dallas, Mailand oder Taiwan hinzu.

 

NACH OBEN!